Wir haben schon einiges rund ums Auto besprochen, aber einen Punkt haben wir noch nicht erwähnt, nämlich das überragende Privileg, das wir dem Auto und dem Autoverkehr zugestehen.

Wir haben uns an das Auto gewöhnt. Es gibt uns Flexibilität in der eigenen Mobilität. Es ist ein Lustobjekt. Manche geben ihm Kosenamen. Es signalisiert Status. Es ist komfortabel.

Ich habe es selbst erlebt… aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Oberlausitzer Provinz – die nächste Stadt 7km entfernt. Mein erstes Auto, ein Trabbi, gab mir persönliche Freiheit. Obwohl nie autobesessen, genoss ich den Komfort und die Sportlichkeit hochmotorisierter Firmenwagen – ein Privileg und ein Luxus, der mich im Rückblick nicht stolz macht.

Das Auto hat eine Schattenseite. Es gibt zu viele davon in den Städten. Sie werden von zu wenigen Menschen gefahren, stehen 95% der Zeit herum, verursachen giftige Abgase und jede Menge Emissionen. Und da sie tendenziell immer größer werden, werden auch die Probleme, die sie mit sich bringen immer größer.

Das Problem ist aber nicht das Auto an sich.

Das Problem ist eher die Selbstverständlichkeit, mit der wir das Auto behandeln. Wir sind kaum in der Lage zu reflektieren, welche unglaubliche Privilegien wir ihm im öffentlichen Raum zugestehen. Der Künstler Karl Jilg hat es bildlich auf den Punkt gebracht:

Cartoon: Karl Jilg

Das Ansprechen des Tempolimits kann Wahlen entscheiden. Jede Veränderung in der städtischen Mobilität wird angefeindet, ob mehr und sicherere Radwege, Lastenräder, Scooter, sie alle müssen sich rechtfertigen, aber nicht das Auto. Jeglicher Auswuchs der Autozentrierung wird verargumentiert mit der Anbindung des ländlichen Raumes, aber es wird nicht gefragt, ob eine sinnvolle Anbindung der Dörfer nicht mit anderen Mitteln erreicht werden kann, durch Investitionen in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder durch neue Formen des Zugangs zu geteilter Mobilität. Warum wuchs die Zahl der Autobahnkilometer zwischen 1995 und 2019 um 19%, aber die Zahl der Schienenkilometer sank um 20%? Warum wollen wir wirksamen Umweltschutz, aber fordern Entlastung, wenn der Benzinpreis steigt? Warum hat die Krankenschwester, deren Einkommen bei steigenden Benzinpreisen zu stark belastet wird, keine besseren Alternativen, zur Arbeit zu kommen? Warum sind Tickets der öffentlichen Verkehrsmittel im Vergleich mit dem Auto so teuer, und muss das so sein? Gibt es keine smarteren Alternativen, als das ganze Jahr ein überdimensioniertes Auto zu fahren, weil man einmal im Jahr, bei der Familienfahrt in den Sommerurlaub an der Ostsee, genau diesen Platz zu brauchen glaubt? Warum ist es selbstverständlich, dass die Gesellschaft die wahren finanziellen und sozialen Kosten des Autoverkehrs mitträgt? Eine neue Studie hat aufgezeigt, dass wenn Autofahrer alle diese Kosten anteilig tragen müssten (private Ausgaben wie Betriebsausgaben und Wertminderung, Kosten für die im Stau verbrachte Zeit, gesellschaftliche Kosten wie Bau und Erhalt der Infrastruktur wie Straßen und öffentliche Parkplätze oder autobezogene Subventionen, Kosten für die Bewältigung der Umwelt- und Gesundheitskosten von Luftverschmutzung und Lärm sowie Verkehrsunfälle), dann läge der Preis für einen VW Golf bei 650.000 Euro.

Jedes Hinterfragen unserer Autoobsession ist wie auf rohen Eiern zu laufen, ein Drahtseilakt der Emotionen. Ich bin kein Autogegner. Ich habe nur erkannt, dass ich viel zu lange völlig unreflektiert davon ausgegangen bin, dass unsere Autoobsession völlig selbstverständlich sei. Und erst seitdem ich den Firmenwagen durch ein eBike und eine Bahncard ersetzt habe, mache ich mir mehr Gedanken um Mobilität und erlebe sie auch ganz anders.

Ich kann nur hoffen, dass wir den Mut haben, Mobilität neu zu denken. Die mutige Mobilitätsexpertin Katja Diehl hat dazu gerade ein Buch geschrieben, das ich sehr empfehlen kann: „Autokorrektur“. Wer die Zeit dafür nicht hat, hat vielleicht die Zeit für einen Podcast zum Thema. Link siehe unten.

Quellen/ zur Vertiefung:

(1) Utopia: Schnelle Autos nur für Reiche? Studie berechnet die wahren Kosten von Golf, Corsa und Co.

(2) The Lifetime Cost of Driving a Car (die Studie, auf Englisch)

(3) Katja Diehl

(4) Podcast zum Thema: Katja Diehl: Autokorrektur – Endlich Vorfahrt für die Mobilitätswende?

Bild: Katja Diehl